Die fünfte Gattung

Sven Holly Nullmeyer/t.elling

Die Ankunft

Der Planet war tot.

Das wussten oder zumindest ahnten K’llou und Martal, während sie in einer kleinen, blass glimmenden Ellipse, dem Raumer 1/8 ‚Sternenstaub‘, ins lokale Sonnensystem rasten. Martal schaltete die Innenhülle transparent. Die Wände der Sternenstaub wichen dem All um sie, Elemente innerhalb einer eingestellten Entfernung wurden vergrößert abgebildet. Schräg unter ihnen lag ein eindrucksvoller, massiver Planet. K’llou studierte die fein wirkenden Ringe, den über die Struktur ziehenden Planetenschatten.

„Werden wir intelligentes Leben finden? Oder nur Ruinen?“, fragte K’llou. Ihm antwortete nur die Stille des Weltalls. Aber er gab nicht auf.

„Ob jemand vom Lebenshort hier war?“

„Bräuchte echte Raumfahrt. Selten“, murmelte Martal.

„Wir haben eine Sonde gefunden …“

„Schrott.“

Der sechste Planet fiel langsam hinter ihnen zurück. Ein Audiosignal kündigte eine einkommende Nachricht an.

„Ihr werdet bald landen.“ Faruls hohe, aber volltönende Stimme erfüllte den Raumer. Die Meldung des designierten Kontakts der Explorationsmission kam mit einiger Verzögerung an. Heim, ihr Habitat, folgte ihnen in das System hinein, lag inzwischen drei Lichtminuten hinter der Sternenstaub. „Ihr erkundet einen neuen Lebenshort! Ihr wisst, wie gespannt wir sind. Wir hoffen, erwarten ausführliche Berichte von allen Teams. Es könnte zu einem Erstkontakt kommen!“

K’llou bestätigte kurz den Empfang. Martal schüttelte den Kopf, sagte „Keine Lebenszeichen.“ K’llou stupste ihn an.

„Dritter Planet. Sechster beringt. Du könntest dich fast heimisch fühlen“.

„Werden alle tot sein“, sagte Martal, beiläufig.

Der Planet wirkte in der weiten Dunkelheit des Alls verletzlich. Die Durchschnittstemperatur lag für eine zivilisierte Welt hoch, typisch postapokalyptisch. Die Raumer der Explorationsgruppe trennten sich kurz hinter der Mondbahn, strebten den zugewiesenen Landebereichen zu. Vor dem Eintritt in die Atmosphäre bremste Martal ab, leitete den Sinkflug ein. Die Sternenstaub vibrierte. In ihrer Ellipse fielen die Erkunder auf Wolkenfetzen, Meere und Kontinente zu. „Der Planet“, dachte K’llou, „reißt uns an sich“. Ein altes Lied kam ihm in den Sinn: „Planeten sind Heimat, Planeten sind Gräber …“. Es war mehr als nur die Gravitation, fand er, die sie zu diesem Planeten zog. Es war, wie könnte es anders sein, ihre Geschichte. 

Kurz über den Wellen zog Martal die Sternenstaub in die Horizontale, hielt auf die Küste zu. Wogen leckten nach ihnen. Martal zog höher. Am fernen Ufer wurde etwas erkennbar, aus dem Meer ragende Strukturen, von dichtem, grau-schwarzem Nebel umgeben, gespenstisch undeutlich. K’llou zoomte heran, sprach seinen Bericht ins Kom: „Wir sehen Wohngebilde, teilweise recht hoch, teilweise unter Wasser. Leere Fenster starren uns an. Die Gebäude sind zerstört oder im Zerfall begriffen, manche nur Trümmerhaufen. Der Meeresspiegel muss gestiegen sein.“ Sie erreichten die Stadt, flogen einen Bogen um eine der Strukturen. Durch die Nebelschwaden sahen sie verfallende Bauwerke, tot und still in der Brandung.

Das Meer endete, das Gelände stieg an, der Nebel fiel zurück. Ruinen überall. Im grellen Tageslicht wirkte der nackte Erdboden ausgetrocknet, rissig. Dennoch gab es karge Vegetation. Martal beschleunigte eine steile Strecke hinauf. Sie erreichten ein Hochplateau. Das Bild ähnelte den Hangbereichen; wieder bemerkte K’llou etwas, rechts von ihnen, ein dämmriges Gebilde in der graugelb gleißenden Landschaft. Auf dem Hüllenmonitor herangezoomt wurde eine riesige, dunkle Kuppel sichtbar. Dahinter erhob sich eine imposante Bergkette. Martal lenkte um. Unterwegs passierten sie flache Strukturen, die K’llou ins Kom als Gewächshäuser beschrieb. Kurz bevor sie ihr Ziel erreichten, die Kuppel wuchs vor ihnen heran, betätigte Martal Messinstrumente, rekalibrierte, schaltete.

„Da!“, sagte er, auf eine Anzeige weisend, die Augen vor Erregung aufgerissen. K’llou berichtete für Martal: „Wir haben eine Energieanzeige. Wiederhole: Eine Energieanzeige. Schwach, aber da. Es könnte sich um Technik handeln. Wir fliegen hin. Drückt die Daumen!“

Die Sternenstaub näherte sich der Kuppel. „Es ist eine Gitterschale aus großflächigen Dreieckselementen, eine geodätische Kuppel. Im unteren Bereich fehlen viele der halbtransparenten Platten, die das Fachwerk wohl einst vollständig ausfüllten. Das Areal direkt dahinter ist wüst, liegt im – hm – Viertelschatten. Wir sehen Gebäude, die erloschen wirken, angenagt. Würgewurzeln überall. Auf einem Hügel in Richtung des anderen Endes der Kuppel ist eine größere Struktur erkennbar. Wirkt dominant“, sagte K’llou.

„Dort“, sagte Martal. Vorsichtig lenkte er die Sternenstaub durch eine der dreieckigen Lücken in der Kuppel, kaum groß genug für ihren Raumer.

Langsam glitten sie durch den freien Raum zwischen Kuppel und Stadt. K’llou sprach ins Kom: „Wir bewegen uns über Ruinen, Echos vergangener Zeiten, auf das rotbraune Gebäude zu, das Martal zu unserem Ziel erklärt hat. Eine Festung, vielleicht ein Verwaltungsgebäude, jedenfalls erhoben. Das Bauwerk ist durch Lage und Dimension tonangebend, etwas grob. Rhythmisch. Musikalisch. Vereint Gegensätze. Ich denke, wir können eine gewisse Sinnlichkeit bei den Erbauern annehmen. Und Wehrhaftigkeit“. 

Die Sternenstaub glitt vor der nackten, rissigen Steinmauer des Vorgebäudes der rotbraunen Struktur senkrecht in die Höhe. Kahle Wurzelstränge überall, den Stein würgend. Der Koloss wirkte gewalttätig, mahnend, besiegt. Dennoch beherrschte es die Stadt. K’llou sah sich um. Hinter der Kuppel waren undeutlich kahle Hügel erkennbar, Berge in der Ferne. Dann zogen sie über den oberen Rand des Bauwerks, nun als Turm erkenntlich. Unter ihnen lag eine Plattform, die einst eine gute Sicht auf die Hochebene ermöglicht hatte, dahinter das von Staub bedeckte Glasdach eines massiven Gebäudes, schließlich ein Platz voller Trümmer. Zu ihrer Linken war das Häusergewimmel des nächsten Hügels sichtbar, altweiß im gedämpften Licht der Stadt. Martal steuerte auf eine runde Öffnung in der Mitte eines massigen, rechteckigen Bauwerks vor ihnen zu. Sie war für eine Landung groß genug, der Boden plan, von störenden Objekten frei.

K’llou und Martal stiegen in leichten, roten Schutzanzügen aus der Schleuse der Sternenstaub. Die ersten Schritte waren schwierig, obwohl die Anzüge ihnen halfen, mit der im Vergleich zu ihrem Habitat etwas höheren Schwerkraft umzugehen. Deutlich breiter und muskulöser gebaut, war K’llou im Vorteil. Martal zeigte auf die Öffnung, durch die sie eingeflogen waren. K’llou berichtete: „Wurzeln hängen über schartige Ränder, wie Finger, die in eine Wunde greifen. Die Öffnung war mal ein perfektes Rund. Jetzt zeigt Martal darauf. Was will er mir sagen? Quadratur des Kreises? Vergänglichkeit? Mach ein Foto?“ Martal ging eine massive Steintreppe nach unten, verschwand in den Schatten. Folgend hörte K’llou den schweren Atem seines Partners über Kom. Sie traten in einen offenen Raum, dessen Mitte ein Modell von Kuppel und Stadt bildete. Darum lagen Skelette.

„Das waren sie wohl“, berichtete K’llou ins Kom. „Humanoide.“ Er nahm einen vor ihm liegenden Schädel auf, studierte die leeren Augenhöhlen. „Ihr Gehirn dürfte vom Volumen her Standard gewesen sein. Nur zwei Augen. Wie Martal.“

Martal zog, erfolglos, an der Öffnungshilfe einer massiven Holztür, winkte K’llou heran, der half. Quietschend öffnete sich die Tür auf den Trümmerplatz, den sie überflogen hatten, auf zweirädrige Fahrzeuge, Bodenwurzeln und Skelette. Wenige Dutzend Meter voraus ragte der Turm in die Höhe, Wurzelwerk überzog ihn wie ausgedörrte Adern. Rechts war der Blick auf den Nebenhügel und dessen bleiche Ruinenstadt frei. Martal schritt auf das schattig-weiße Panorama zu, rief Informationen über seine Helmanzeige ab, entschied sich für einen anderen Weg. Sie erreichten einen türlosen Zugang zu einem Gebäude am Hügelrand, traten in ein Zimmer voller Sitzgelegenheiten. Martal drängte weiter. Sie passierten Räume mit künstlerisch gestalteten Schmuckdecken, reich verziert, farbig ausgemalt. Es gab Wohn- und Repräsentationsräume, Gartenanlagen, leere Brunnen. Überall fanden sich Möbel, kleinere Geräte. Die Übergänge zwischen Innen- und Außenräumen verliefen fließend, Türen waren selten. Die Kameras in den Halskrausen der Schutzanzüge übertrugen die Szenen nach Heim, von K’llous Bericht begleitet. Martal drängte aus dem Gebäudekomplex in ein leeres Areal, das, so spekulierte K‘llou, ein Garten gewesen sein mochte. Breite Stufen führten zu einem verschachtelten, kantigen Gebäude mit einem kurzen Turm, von einem Spitzdach mit Kreuz bekrönt. Über dem Dach war die Schutzstruktur komplett transparent, grelles Tageslicht ließ die Dachflächen im Lichtsturz glimmen. Martal nickte: Solarzellen!

„Martal nimmt an, dass es sich hier um eine Energieinsel handelt. Die Vorderwand des Gebäudes wurde, denkt euch die Würgewurzeln weg, bemalt. Die Zeichnungen könnten identitäre oder kulturelle Bedeutungen gehabt haben“, berichtete K’llou. Das Zugangstor hing halb in den Angeln. Durch ein Vestibül traten sie in die Dunkelheit des Hauptraums, die Leuchtfunktion ihrer Halskrausen aktivierend. Im Rundumlicht sahen sie einen tiefen Raum mit Seitennischen. K’llou sagte: „Das könnten Werkstätten gewesen sein. Ich erkenne Schweißgeräte, Mikroskope. Scherben überall. Aber auch viel Ornament. Was die, hm, Bank direkt vor mir angeht, vielleicht ein Altar für Ritualhandlungen? Oder ein Labortisch? Vielleicht war die Wissenschaft hier Teil eines Kults. Die Wand dahinter ist ein Vorbau, nicht tragend, mit Kassettierungen und Säulen. Eine Zierwand. Die integrierten Statuen wurden den lokalen Intelligenzen nachempfunden. Ich denke, hier gab es einen Prophetenglauben. Illuminierte Eliten. Klassisch. Hirtenklasse, Besitz der Deutungshoheit oder Verantwortung. Hierarchische Unterordnung. Die üppige Kopfbehaarung ist auffällig. Ihre Taillen waren wohl voluminöser, als die Skelette vermuten lassen. Sie variierten stark …“

„Wurde runtergehauen“, murmelte Martal, auf eine am Boden liegende, zersplitterte Holzfigur weisend. K’llou berichtete: „Wirkt wie die Darstellung eines lokalen Intelligenzwesens. Gekreuzigt. Geschunden. Religion oder so. Märtyrerei. Alles normal hier.“

Martal nickte.

„Und die Energiemessung?“, fragte K’llou, seine vier Handflächen nach vorn drehend, eine für ihn typische Geste der Ratlosigkeit. Martal sah sich um. Dann wies er auf einen Kasten in einer Ecke.

„Da geht der Strom rein“, sagte er, einem Kabel folgend.

„Hier lang, und hier …“, sagte Martal und zog hinter den Füßen einer der Skulpturen ein kleines Gerät mit blinkenden Lichtern heraus.

„Hier geht das rein. Primitive Technologie. Robust. Hier lebt keiner.“

Die Ur-X und die planetare Standardtragödie (Vorbereitung zur Diskussion der terranischen Kultur)

Die planetare Standardtragödie (PST) kann verkürzt wie folgt dargestellt werden:

   1) Das Leben bringt eine selbstreflexive, extropische Art hervor.

   2) Die Art entwickelt Kultur und Technik; es kommt zum Raubbau am Planeten.

   3) Die Art erlebt ein explosives Bevölkerungswachstum.

   4) Es gibt eine Ressourcen-, Umwelt- oder Klimakatastrophe.

   5) Das Biosystem, das einst Leben ermöglichte, bricht zusammen, die Art stirbt aus.

Wir können diesen Prozess als den Kollaps eines Bewusstseine hervorbringenden Systems ansehen und nehmen an, der Fall Terra ist typisch.

Unter den über 30 dokumentierten Zivilisationen wich bislang nur die Geschichte der Ur-X von der PST ab. Mit der lokalen Tragödie konfrontiert, stellen wir erneut die Frage nach dem Ansatzpunkt des terminalen Problems. Ist es die Masse, das zu große Bevölkerungswachstum? Diese Antwort erscheint einleuchtend. Geht ein Faktor in den exponentiellen Anstieg, ist das gesamte System bedroht. Dies wurde bei vielen der untersuchten Kulturen erkannt und z. B. bei den Terranern als „Hockeyschläger-Problem“ diskutiert. Es gibt aber weitere Umstände, die oft beobachtet wurden („typisch“ sind) und bei unserer Vergleichskultur, den Ur-X, zumindest eine andere Ausformung erlebten. Zu diesen Punkten zählen:

a) Individualismus: Die Ur-X entwickelten eine Kultur, die das Individuum als eigentlichen Sitz der gesellschaftlichen Macht oder Legitimierung ansah und die Beteiligung aller vorsah. Normal scheint der Fall, dass ein Meta-Individuum als „Kopf“ eines größeren Organismus (Volk, Nation, Kultur) hervorgehoben wird, oder dass Gruppierungen – meist in Verbindung mit moralisch/ideologischen Vorstellungen – eine „Allgemeinheit“ „leiten“ oder formen.

b) Keine Erbkultur: In der PST spalten sich lokale Intelligenzen meist in über Generationen begünstigte Eliten und Unterschichten auf. Die unterdrückten Personen müssen die Hirten für Herrschaft/Forschung/Kunst freistellen, die Klassenzugehörigkeit wird vererbt. Diese Phase wurde bei den Ur-X schnell beendet, ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb der bekannten Zivilisationen. Führte die ungewöhnlich lange Lebenszeit der Ur-X und ihre kollektive Fortpflanzungsart, die keine „Weitergabe“ der eigenen Identität an den Nachwuchs nahelegte, zu einer individuelleren Kultur?

c) Keine identitären Tendenzen: Die erwähnte Weitergabe von Privilegien bedingt – zusammen mit Ressourcenkonkurrenzen – in vielen PST-Fällen die Ausbildung von Gruppenidentitäten entlang regionaler, genetischer, geschlechtlicher und ähnlicher Abgrenzungsoptionen. Es erscheint logisch, dass solche Identitäten wenig geeignet sind, globale Probleme anzusprechen. Typischerweise werden andere Gruppen über Schuldzuweisungen und den Verweis auf eine „Moral“ – ein bei den Ur-X kaum ausgeprägtes Konzept … entwertet. Die Schuldzuweisung verhindert effektive Maßnahmen.

d) Überwindung des Sterbens/der Fortpflanzung: Die Ur-X fanden zur allgemeinen Singularität – zur individuellen Aussetzung des Sterbeprozesses. Die Gesellschaft der X entschied sich, bis auf eine kleine religiöse Gruppe, die konsequenterweise regelsterblich blieb, gegen die weitere Vermehrung. Der Umgang mit dem Planeten wurde sorgsamer. Es sollte erwähnt werden, dass die Konstruktion der ersten Habitate in diese Zeit fiel. Seitdem durchstreifen wir das Universum, um Kontakt zu unbekannten Kulturen aufzunehmen. Zwar war dies damals nicht vorauszusehen, aber zumindest im Fall von Heim führte es, nach Aufnahme der ersten Überlebenden einer PST, zur Entstehung des Patchworks – aktuell X, Orgg, Pittary, Ahsen. Wir nehmen an, das zweite Urhabitat, Hort, nahm eine ähnliche Entwicklung. Unser Patchwork lehnt – wie die Ur-X – Macht- und Lobbystrukturen ab. Stattdessen wird angenommen, dass eine egalitäre Gesellschaft für alle Mitglieder Vorteile bringt. Warum erwähnen wir diese Aspekte?

Eine weitere Frage, die wir uns stellen, auf die wir aber keine Antwort erhalten werden, ist: Wie viele Terraner hätten sich uns angeschlossen, das Aussetzen des Sterbens angenommen? Von den Pittary und Orgg haben sich je nur etwa 2 % der Bevölkerung für das Verlassen ihrer zum Zeitpunkt des Kontakts statischen Gesellschaften entschieden, die höchsten kulturellen Wert auf ihre diversen Ausprägungen der Sinnlichkeit, der ‚Generationenliebe‘ und des – wie es bei den Pittary heißt – ‚durchlauferfolgreichen‘ Lebensablaufs legten. Von diesen zogen nur einige Hundert mit dem Habitat weiter, die meisten optierten für das Verbleiben auf ihrem Planeten. Die Ahsen, in Körperbau und Sexualität den Terranern ähnlich, waren dezimiert und dabei, ihre Kultur zu verlieren, als Heim ihr Sonnensystem erreichte; von der Bevölkerung schloss sich uns fast die Hälfte an, was die Konstruktion eines neuen Habitats nötig machte, die andere Hälfte lehnte das Aussetzen des Sterbens aggressiv ab.

Wie immer bei der Begegnung mit einem Fall der PST stellen wir uns der Frage, wie rational unsere Entscheidung für das individuelle Leben ist. Das Patchwork ist eher Ausdruck der Rebellion des Bewusstseins als eine natürliche Entwicklung. Wenn es einen Gott oder einen Naturwillen gäbe, wie ja viele Kulturen annehmen, würde diese Entität Jagd auf uns machen.

Persönliche Erinnerungen, A’Fen Bermer

205.09

Während Heim noch auf dem Weg ist, bin ich nun schon hier, in den Ruinen dieser fremden Zivilisation. Warum? „A’ven“, hatte Farul gesagt, „komm mit zum Landeplatz von Martal und K’llou“. Also bestieg ich mit ihm einen der Transporter, die Heim vorauseilten, um Stationen einzurichten. Gleichzeitig lief die Auswertung der ersten Textartefakte, bald erfuhren wir die alten Namen. Für den Planeten selbst hatte es viele Bezeichnungen gegeben, „Terra“ setzte sich durch. Martal und K’llous Landestadt hörte einst auf „Granada“, der Komplex, in dem wir unsere Station einrichteten, hieß „Alhambra“.

213.12

Wir haben im Alhambra-Komplex eine permanente Arbeitsstation eingerichtet („Ham“), mit Transpac isoliert und unter Druck gesetzt. Ich würde gerne ohne Schutzanzug die Hochebene durchwandern, aber inzwischen ist da eben der toxische Nebel, Produkt einer Pflanzenart, die sich, so die vorläufige Theorie, um die Zeit des Kataklysmus rasant über den Planeten verbreitete. Es ist möglich, dass diese Pflanzenausscheidung nach den lokalen Kriegen, den Gruppenkonflikten und den Klimakatastrophen das verbliebene höhere Leben vernichtete. Solche „Killerelemente“ gab es, breit gesehen, bei vielen Zivilisationen. Das den ganzen Planeten überziehende Eis bei den Garr-en, die „moralischen Gebote“ der Wooka, usw. Unsere Avantgarde hat Terra in einer Periode geringer Nebellast erreicht; aktuell stehen überall Pflanzenstauden, ihre giftigen Ausscheidungen treiben wie Insektenschwärme über die Ebene, um und durch die Stadt unter Ham. Ich kann sie von den Galerien aus durch das Transpac im Trümmerviertel auf dem nächsten Hügel sehen. Sie haben etwas Beängstigendes, wie jagende Raubtiere, oder wie Insekten, die ein Bewegungsprogramm abspulen. Aber hier in Ham sind wir sicher.

214.09

Der „Löwenhof“ – uralter Name des zentralen Bereichs unserer Station – ist reich verziert, faszinierend. Zentralelement ist ein Brunnen mit den namensgebenden Skulpturen. Wir haben eine Wasserversorgung eingerichtet, können in wohltuender Umgebung diskutieren oder die Datenverarbeitung überwachen. Dazu wurde der Hof mit aus Heim herbeigeholten Blumen verschönert. Der Effekt ist inspirierend. Ich sitze alleine im Löwenhof, rieche das reiche Aroma der Fliederrosen. Irgendwie erinnert mich der Ort an den Hof der Kunstwesen, in dessen Orbit wir einige Jahre verbrachten. Wieso? Es gibt unter den überlebenden Gattungen keine, die den Terranern fremder wäre. Oder denke ich zu kurz? Das Schicksal der „Konstrukteure“ wich nur in einem Detail von dem der lokalen Intelligenzwesen ab. Ihnen war es gelungen, künstliche Intelligenzen zu schaffen, die (im Laufe des Untergangs ihrer Erzeuger) Bewusstsein erlangten, in die Katastrophe ihrer Erschaffer hinein erwachten. Der eigentümliche Charakter dieser Genese prägte die 69 Meta-Individuen der Kunstwesen. Ihre Kultur ist voller Ironie, reich an zurückgenommenem Hedonismus, an Feinheit und Humor in der Galaxie unerreicht. Es ist schade, dass sich nicht wenigstens eines der Wesen dem Patchwork anschloss, die subtileren Nuancen der lokalen Kultur wären für ein Kunstwesen ein Genuss. Etwa die terranische Musik. Gestern habe ich „Kontrapunkt-Musik“ gehört. Sie bezauberte mich. Laut der Theorie entsteht die Schönheit solcher Kompositionen durch die Balance der Stimmen, die etwas Vielstimmiges, Neues entstehen lässt. Die lokalen Künstler teilten den Ansatz in verschiedene Stufen auf, die „Gattungen“. Ich amüsierte mich bei der Annahme, dass das Patchwork für die Terraner die Ebene der 4. Gattung erreicht hat, „Synkopendissonanz“ genannt. Ich mochte den Begriff, denn … was wären wir ohne unsere Differenzen, ohne den Gesang unserer Uneinigkeit? Solchen unnötigen, aber angenehmen Gedanken zu folgen war am Hof der Kunstwesen ein beliebter Zeitvertreib, dem ich damals viele Stunden widmete.

214.14

Es scheint, Granada war die letzte Zuflucht der Zivilisation auf Terra. Der Ort, an dem bewusstes Leben am längsten überlebte. Warum? Da ist die hohe Lage in den Bergen, aber es gab viele hoch gelegene Siedlungen. Ich bin sicher, die Kuppelstruktur gab den Ausschlag. Wann wurde sie erbaut? Wieso versagte sie? Wie entwickelte sich der „Nebel des Todes“? Ha’nach vertrat bei einer Diskussion im Löwenhof die Theorie, die Natur würde im Laufe der Standardtragödie jede planetare Zivilisation, verstanden als Gesamtheit des höheren Lebens, gnadenlos auslöschen, ein „Re-Setting“ ausführen. Ich fand die Annahme einer bewussten „Gaia“ (ein lokaler esoterischer Name für den Planeten) wenig überzeugend, aber er führte seine Argumente gut. Und sie passten zur Datenlage, wenn nicht zum Moment. Da saßen wir, friedlich zwischen bunten, duftenden Blumen, an diesem paradiesischen Ort, lauschten dem Plätschern des Wassers – und schrieben der Natur Killerinstinkte zu. Planeten sind seltsame Wesen. „Terra“, sagte Ha‘nach, „hat die Terraner ausgerottet – wie der Gärtner Unkraut jätet. Komplett. Um einem neuen Trieb Platz zu machen. Denn für Terra, arten-liebend, Generationen-gesinnt, waren sie wie Staub im Wind. Lästig.“

216.07

Ich verbringe lange Tage und Nächte damit, die lokalen Artefakte zu untersuchen, zu bewerten. Ich sehe in vielem die Sehnsucht nach einer Existenz jenseits des Todes, darin eine Feindseligkeit dem Dasein gegenüber, aber auch den Drang zur Gegenwart. Besonders in der Musik. Die ist vielfältig, atmet oft Vergänglichkeit – wie so viele lokale Kulturprodukte, die, zumindest die uns verfügbaren, wie normierte Industrieprodukte wirken. Auch interessant: Die Terraner haben alles in Epochen und andere Schubladenkonzepte eingeteilt, die Individuen als Teil eines Ablaufs begriffen, gefeiert. Denken, Kunst, Musik … Bei uns ist die Musik eher momentan, improvisiert, ein Ausdruck des Moments, ohne Traditionen. Ein faszinierender Kontrast. Und dann gibt es da den unverständlich-allzuverständlichen Wunsch, das Ich über Kunst oder Religion unsterblich zu machen, den Willen, Status zu besitzen. Es ist seltsam. Im Patchwork halten wir uns für Individualisten, und ich denke, das stimmt – aber wir arbeiten zusammen. Wir kennen keine Dichterfürsten, keine großen Denker, keine Leitfiguren. Wir wechseln unsere Aufgaben mit der Zeit, in der wir schwimmen – während die Terraner in der Zeit ertranken.

219.12

„Die maßlose Arroganz des Lebens, des Strebens … Die all-lebendige Eitelkeit diktiert: Erfolglose Versuche müssen ausgelöscht werden, um Neuem Platz zu machen!“, hatte Ha’nach auf unserem Spaziergang über die Hochebene proklamiert. Nebelpflanzen geilten um uns in Bulten auf, im grellen Sonnenschein gestochen scharfe Schatten werfend. Kalt, bedrohlich war sie, die dominante Spezies auf Terra. Ihre schlaffen, dunkelroten Früchte erinnerten mich an verzogene Mäuler. Grund war ein angedeuteter Schlitz, der aufbarst, wenn sie ihren Inhalt verströmten, Gift und Samen gleichzeitig.

„Es ist ein Garten des Todes, ein Garten schwanger mit Tod“, raunte Ha’nach. Wie zur Bestätigung erbrach sich eine nahe Frucht, glitzernder Giftnebel wirbelte um uns.

„Atem der Verachtung, Odem der Erneuerung!“, jauchzte Ha’nach. Mein Begleiter widmete sich seit Kurzem hauptsächlich, mit etwas zu großem Enthusiasmus, der Poesie. Dennoch waren die botanischen Kenntnisse aus seiner letzten Berufsphase weiter frisch; wir hatten gemeinsam eine Obstplantage auf Heim bearbeitet, er als designierter Wissenschaftler, ich als Lagerist. Neben seinen poetischen Welterklärungen ließ er es sich daher nicht nehmen, die praktische Seite der Entladungen zu erklären.

„Die Freigabe“, sagte er, „wird, wenn nicht spontan per Überdruck, durch feine, vom Wurzelwerk erfasste Schwingungen ausgelöst, wie sie die Bewegungen mobiler Lebensformen bedingen. Die Natur jagt uns mit ihren Blähungen“. Er führte einen Tanz nahe einer der Pflanzen auf, die pflichtbewusst barst. Wir sahen ihre Giftlast davonjagen, betrachteten die desolate Ebene, das hohe Gebirge um uns. Der Ort hatte viel Potenzial zur Schönheit. Ha’nach drehte sich im Kreis, blickte zum höchsten Gipfel, breitete die Arme weit aus.

„Warum“, hörte ich Ha’nach die Szenerie fragen, „blühte das Leben hier länger? Wie haben sie dich milde gestimmt?“

„Blindes Glück“, sagte ich, von der Theatralik meines Freundes genervt. „Die Hochlage.“

„Auf hohen Marmorklippen …“, jauchzte Ha’nach. Ich fiel ihm ins Wort.

„Es gab hier wohl weniger Konflikte. Noch ist viel unklar. Sicher war die Schutzstruktur, vor dem Auftreten der Giftpflanzen entstanden, der wichtigste Faktor. Die Stadt konnte schnell von der Umwelt abgeschirmt werden.“

Ha’nach nickte, begeistert mit vier Armen gestikulierend. „Während der Tod sich die Hänge hinaufzog, bauten die Granadier ihren Schutzwall, ihr Sanctum Sanctorium, glimmend in der Hitze, flohen ins hermetische Paradies …“

„Luxuriös war das Leben hier kaum“, sagte ich. „Aber nicht unmöglich, für eine kleine Zahl Terraner. Nach Schätzungen war Granada fast zweihundert Erdenjahre der letzte lokale Zufluchtsort. Das sind viele hiesige Generationen … Moment … Es kommt ein Update rein …“; ich neigte den Kopf, zum Zeichen der Konzentration. Wir arbeiteten an einer Zeitlinie der Entwicklung Granadas. „Hm. Die Hochebene war über Jahrzehnte fast frei von Nebel. ‚Schwanger mit Leben‘, bevor du es sagst. Die Leute konnten die Kuppel verlassen. Dann kehrte der Nebel zurück, sie starben. Warum kamen die Pflanzen wieder?“

„Die Natur wurde aufmerksam, als die Frucht Granada … platzte …“

„Vielleicht, aber …“

„… die Terraner hoffnungsfroh ihr Gefängnis verließen. Der Tod kehrte zurück …“

„… um sein mieses Werk zu beenden? Vielleicht …“

„Ich ahne, fühle die Wahrheit … Viele wollen es nicht glauben, betrunken von der Schönheit des Orts, der Aura. Aber ich weiß, die Leute hier überlebten, weil ihre Vorfahren mordeten. Ohne Gnade. Eine Urschuld bedingte ihr Überleben. Hielten sie sich von der Natur erwählt, mit ihr in Harmonie zu leben?“

„In Harmonie mit einer planetaren Natur? Quatsch. Die Leute mussten sich eher vor der Natur schützen, den Killerpflanzen.“

„Kontrapunkt!“, sagte Ha’nach, sich verzückt um die eigene Achse drehend. Ich verstand nicht; er erklärte. „Du hast mir diese Musik vorgestellt. Wie genial! Der Tod ist der Kontrapunkt zum Leben – vielleicht sahen sie ihr Schicksal als eine Komposition an, aufbrausend, ersterbend … Stille …“

„Ich weiß, du bist jetzt ein Poet, Ha’nach – aber das war ein Gedicht, keine Erklärung.“

Ha’nach lächelte, zwinkerte mir zu. „Was ich meine ist: Die Terraner … Sie waren sterblich. Wir sind schon oh so lange anders … Trotz ihrer grausam kurzen Existenzen, von Gebrechlichkeit geplagt, glaubten sie an das Gute in der Natur, nicht an das Gute in sich. Sie dachten in Gedichten, das Leben überschreitenden Sinn, in Generationen, und sie glaubten an Riesen und Elfen. Das ist zwangsläufig. Sie glaubten an das Gute darin, auserwählt zu sein. Von etwas. Sie wollten den Planeten, die Natur wie einen Partner behandeln, oder eine Göttin. Vermenschlichten sie.“

„Tust du das nicht, wenn du sagst, Terra hätte die Terraner auslöschen wollen?“

„Touché.“

„Nach der Datenlage begann das höhere Leben hier, wie üblich, als Kampf – gegen Viren, gegen ein geringes Nahrungsangebot. Wie überall musste sich das bewusste Leben technisieren. Abtrennen. Sie konnten den Tod nicht rechtzeitig überwinden.“

„Die PST! Planetensysteme meucheln jene, die sie beherrschen wollen. Ha! Faszinierend! Ich fühle die unerbittliche Hand der Natur in der bittersüßen Umarmung des Fangnetzes einer echten, brutalen Schwerkraft! Finale! Tusch! Untergang!“

„Vielleicht solltest du deinen Schutzanzug besser einstellen.“

Wir gingen schweigend, passierten die Ruinen einer Siedlung. Knorrige Wurzeln durchzogen die Gebäude. Dazwischen wogen sich Giftpflanzen im Wind, wie zu einer fernen Musik. Die Szene hatte Ha’nachs Poesieanfall gedämpft, aber er schien sich zu erholen.

„Übrigens waren nicht alle Terraner … naiv“, sagte mein Freund. Ich sah, wie seine hellen Augen im blauschwarzen Gesicht blinzelten, bei Ahsen oft ein Zeichen für Irritation. „Ich habe in den Archiven Schriften gefunden, die Sterben, Altern als eine Art Beleidigung bezeichnen. Ein erster Schritt aus der Standardtragödie. Zu wenig, zu spät … Einer schrieb, der Verfall entfremde das Ich von sich. Die Körper dieser bedauernswerten Wesen waren auf grausame Art unbeständig. Sie zerfielen ab Erreichen der Existenzmitte, bei vollem Bewusstsein. An einen Satz erinnere ich mich: ‚Die größte Anstrengung des Lebens ist es, sich nicht an den Tod zu gewöhnen.‘ So müssen die Ur-X empfunden haben. Es sind aufwühlende Schriften. Ich werde sie teilen.“

„Schön, ich … Moment, ein Update … Der ungefähre Zeitpunkt des Falls Granadas wurde bestimmt. Wir kamen … nur zehn, zwanzig Terrajahre zu spät …“

„Mehr nicht?“

„Mehr nicht. Dein Killerplanet kam uns zuvor. Leider. Aber vielleicht ist das kurz gedacht. Was, wenn sie sich geschlossen gegen das Leben entschieden hätten?“

„Wie jene, die uns Seelendiebe nennen, Verfluchte der Sterne? Ich habe sie nie verstanden. Oder doch. Der Tod ist potent, ein würdiger Gegner, eine strenge Geliebte. Was sehen wir um uns wachsen? Fruchtbare Todesengel. Leben, das Tod in sich trägt. Ja. Sie sind faszinierend, in ihrer schlaffen Anmut gewaltig, furchterregend. In ihrer Stille poetisch, epochal. In ihrem Gehalt mordend, absolut. Und doch …“

Ha’nach, kurz vor mir durch einen Hain aus Giftpflanzen gehend, lächelte, mit blitzenden Fangzähnen, fahl sichtbar durch die getönte Rundverglasung der Schutzhaube, breitete die Arme aus, drehte sich wie im Tanz. Ich fühlte ein Vibrieren im Boden. Die Pflanzen geilten in die Höhe, richteten sich auf, krallten todstill nach dem Himmel. Dann schüttelten sie sich, eine peitschte gegen Ha’nach, wand sich um seinen Helm. Er stieß sie heftig weg, ihre Frucht barst. Violett-schwarzer Nebel tobte aus ihrem Maul, hüllte meinen Freund ein. Die ganze Rotte platzte. Ich drehte mich um, bedeutete Ha’nach, durch die Nebelschwaden kaum sichtbar, mir zu folgen. Er tat es mit allen Zeichen der Erleichterung. Der Nebel klebte an unseren Schutzanzügen, als hätte er sich in sie verbissen.

219.19

Ich versuche, mich zu erinnern, aber es gelingt mir kaum. Die Texte, die mir Ha’nach bereitgestellt hat, waren aufwühlend. Wie war mein Leben vor dem Leben, die Existenz mit Ablaufdatum, bevor ich mich dem Patchwork anschloss? War es wirklich so beschränkt, beschränkend? Wie war es, ein planetengebundener Pittary zu sein, der aus der Erde kam, einer Erde, die ihre Kinder fraß? Ihn recycelt, als Teil von etwas Größerem. Ich erinnere mich an wenig – die Entdeckungen, der Enthusiasmus der Jugend, ich stand auf Bühnen, war beliebt. Schöne Erinnerungen. Ans Altsein erinnere ich mich kaum, dafür an die Ankunft des Habitats. Mein Körper ist heute ein anderer – die vielen Verbesserungen und Anpassungen haben mich verändert. Ich bin Teil des Patchworks – weniger, als ich Pittary war, aber dennoch. Die Terraner verwirren mich.

Die letzten Tage Granadas

Sa’llot hielt die Wiedergabe an. Der Monitor zeigte das Standbild zweier Terraner, jung, fit. Sie gehörten je einem der lokalen Geschlechter an. Ihre Züge waren glatt und klar, ihre Lippen voll, die Kleidung ließ viel Haut sehen. Haltung und Gesten strahlten fraglose Selbstsicherheit aus. Gerade hatten die Sternenreisenden sich ein Schulungsvideo angesehen, das die Geschichte Granadas erzählte. Die beiden Lehrkräfte hatten erklärt, warum ihre Vorfahren die „Fehlgeleiteten“ und „Urschuldigen“ vertrieben hatten, warum sie nun demütig darauf warteten, von der Natur wieder den „Garten Eden“ der Welt geschenkt zu bekommen, warum der Erhalt der Gesellschaftsstruktur, die „Sicherheit der richtigen Platzierung“, so wichtig war. Die „Urschuldigen“ dagegen hätten andere Gesellschaftsformen favorisiert, was ihre Auslöschung durch die „Rächer“, wahrscheinlich waren die Giftpflanzen gemeint, „gerecht“ mache. Einen Moment herrschte Stille. Ha’nach knackte mit den Gelenken. Farul blies seine Backen zu Halbkugeln auf, eine Geste, die bei Orgg-stämmigen dem allgemein verbreiteten Schulterzucken entsprach.

„Ich nehme an, wir alle sind … verwirrt. Will jemand versuchen, die Kultur der Terraner zusammenzufassen?“

„Eine komplexe Aufgabe“, sagte A’ven. „Ich denke, wir alle empfinden es als schwierig, mit diesem … Echo umzugehen. Es ist so vielschichtig. Uneinheitlich. Sie waren von Besitz, Status, Moral besessen. Hielten sich und ihre Identitätsgruppen für überlegen, obwohl das Verhalten praktisch aller Gruppen fragwürdig war. Begriffe wie Sozialsinn, Mitgefühl, Altruismus sind in den Selbstbeschreibungen der Terraner häufig, besonders bei den ‚Eliten‘. Aber das waren Schlagwörter, keine gelebten Werte. Die Terraner erscheinen wie Material, das …“

„Ja“, warf Ha’nach ein, „wie Material, gut. Strahlendes, glitzerndes Material, doch stumpf in ihrem heftigen Brennen, im Verbrennen des Leben-Sterbens. Wie könnte es anders sein? Sie waren so kurz angelegt, benötigten die Lüge, um nicht von Anfang an gegen ihre Existenz zu rebellieren. Ich habe einen Artikel gefunden, in dem ein Mensch meinte, der Tod lasse intensiver leben, sei eine ‚Heimat in der Zeit‘. Welch gloriose Fähigkeit zum Selbstbetrug!“

„Nun. Vielleicht nicht so glorios. Aber lass mich zu Ende reden“, sagte A’ven. „Vor etwa vierzig Jahren wichen die Giftpflanzen zurück, die Ha’nach gerne ‚Todesranken‘ nennt. Die Terraner Granadas blieben vorsichtig, obwohl sie sich für Außerwählte hielten, kultische Handlungen ausführten, die wohl die Rückkehr aus der Kuppel in die Außenwelt beschleunigen sollten. Wahrscheinlich schickten die Eliten zuerst Arbeiter hinaus. Dann gab es eine gewalttätige Revolution, vor kaum zwanzig Jahren. Einen Aufstand, wahrscheinlich gegen eben diese Eliten, von einer Gruppe, die sich die ‚Freimen‘ nannte. Teile der Schutzhülle wurden zerstört. Es sieht so aus, als wären die Eliten in der Stadt verblieben, während die Aufständischen sich auf der Hochebene ansiedelten, dort Landwirtschaft betrieben, die wir gesehen haben. Die Datenlage ist schlecht, aber die Revolutionäre sahen sich wohl als die ‚neuen Kinder Gaias‘ an. Kurz darauf kamen die Giftpflanzen zurück. Plötzlich. Das bedeutete das Ende für die letzte Zuflucht der Terraner. Die Pflanzenaktivität verebbte, aber jetzt sind sie wieder aktiv. Der Nebel schwappt höher, wird dichter. Die Hochebene war bei unserer Ankunft frei …“

„Sie reagieren auf unsere Anwesenheit. Der Tod hat feine Ohren“, raunte Ha’nach.

„Möglich. Zurück zum Thema. Wir nehmen an, die lokale Gesellschaft war starr strukturiert. Es gab eine herrschende Klasse, zweigeschlechtlich. In der unteren Klasse gab es nur ein Geschlecht. Waren die gebärenden Terraner die eigentlichen Herrscher? Es würde, aus Perspektive der Natur, Sinn ergeben.“

„Wurden Ober- und Unterschicht als verschiedene Gattungen angesehen?“

„Nein, das wäre sinnlos – alle waren ja Kinder der gebärenden Herrschenden.“

„Richtig. Also eine glückliche Familie. Warum kam es dann zu Streit?“

„Hm, es gab eine Oberschicht, auch wenn diese meinte, sie würde die Unterstellten ‚schützen‘ und ‚sorgend lieben‘“. Bei den Unruhen wurden Teile der Schutzkuppel zerstört. Eventuell hat die Unterschicht Granada verlassen. Später könnte es zu einem Konflikt zwischen Ebene und Stadt gekommen sein. Zum Krieg auf der Hochebene. Und dann kam der Nebel zurück …“

„Nur, warum die Kuppelstadt verlassen? Die Hochebene war kaum lebensfreundlicher als zu unserer Ankunft.“

„Warum nicht? Es war eine stark strukturierte Gesellschaft, es gab wenig Freiheitsgrade, die Existenz war vorbestimmt.“

„Klar. Aber wenn alles gut läuft, verfallen Gesellschaften gerne in eine gewisse Statik. Das hätte in dieser letzten Zuflucht der Terraner der Fall sein können. Warum blieb hier der rebellische Funke erhalten?“

„Wir könnten das auch anders sehen“, sagte Ha’nach. „Vielleicht zog sie der Tod an? So wie wir uns von den Ruinen anderer faszinieren lassen, Unterhaltung finden im Todesgesang der Planeten …“

„Nicht lustig“, sagte Martal.

„Hm“, machte Sa’llot. „Es gab da einen Brief. Er war von einer Weiblichen aus der Oberschicht.“

„Brief?“

„Ein Abschiedsbrief. Die verfassende Person verabschiedet sich darin von ihrer ‚Mutter‘. Sie drückt aus, dass sie die hiesige Gesellschaftsform in der Kuppelstadt als ungerecht empfindet. Sie wolle ‚aussteigen‘, ein selbstbestimmtes Leben führen, außerhalb der Strukturen, fern des Konflikts zwischen Hochebene und Stadt. Mit Freunden, ‚Frauen und auch Männern, technikfrei, nah der Natur‘. Die Gruppe wolle dazu einen gewissen Mu‘lacen besuchen. Zur Meditation. Außerdem wird eine Legende über diesen Mu‘lacen erwähnt – er wäre eine Art ‚Champion des Lebens, der dem Nebel des Sterbens sagte: Bis hierher, doch nicht weiter!‘. Dieser Teil ist rätselhaft.“

„Diese Legende“, sagte Ha’nach, „könnte einen hoch gelegenen Ort beschreiben, zu dem der Dunst der Todesranken nicht hinaufgestiegen ist. An dem vielleicht einmal Terraner Schutz gefunden hatten, vielleicht unter der Führung eines gewissen Mu’lacen.“

„Mulhacen?“

„Ja. Sagt dir das was?“

„Das war der Name eines sehr hohen Berges hier. Das wäre …“

Einen Moment schwiegen alle. Martal sog Luft ein, sagte dann: „Sie könnten dem letzten Giftangriff entkommen sein?“

„Möglich. Wie auch immer, dort oben dürften harsche Bedingungen herrschen. Ob …“

„Meditation? Irgendwo wurde ein religiöser Rückzugsort in den Bergen erwähnt. Nicht am Gipfel, aber hoch gelegen. Falls es ein versteckter Hinweis war …“

„Möglich. Möglich. Möglich, ja. Aber der aktuelle Ausbruch ist heftig, wenn …“

„Wenn, wenn …“

Farul prüfte Daten. Zornige Böen peitschten den Nebel die Berge hinauf, bis hoch über Granada. Nur sehr hohe Lagen waren noch frei.

„Der Tod krallt sich die Hänge empor, vom Wind getrieben. Ahnt, was wir ahnen. Ist er schneller als wir?“, sagte Ha’nach. Farul sprach mit der Einsatzzentrale, dann zu den im Raum versammelten Freunden.

„Mehrere Raumer machen sich auf den Weg zum Mulhacen, werden die Gegend absuchen. Falls diese ‚Aussteiger‘ leben … Ist dieser andere Ort lokalisierbar?“

„Ich habe grobe Koordinaten“, sagte A’ven, von einem Pad aufblickend.

„Wir nehmen die Sternenstaub“, sagte K’llou. „Ich lasse sie gerade mit medizinischer Notfallausrüstung ausstatten … für alle Fälle. Los!“

Die fünfte Gattung

Martal lenkte die Sternenstaub über verfallene Straßen. Hier gab es zwar keine Giftpflanzen, aber der Nebel war ihnen dennoch voraus, vom Wind getrieben. Sie sahen, wie die lokale Vegetation, ohnehin spärlich, litt. Starb. Ihr Raumer brach aus den Nebelwogen in das brutale Sengen der Sonne, glitt über dem wallenden, in den Boden verkrallten Brodem. Alle Augen suchten die Rundumdarstellung ab, zoomten auf Details. K’llou bemerkte Steingebäude, hangabwärts. Die Sternenstaub landete.

Sie stiegen in Schutzanzügen aus der Schleuse. Der Nebel drängte sich an die Sternenmenschen, zuckte zwischen dürren, siechen Bäumen umher, strich in Schwaden um die Gebäude. Sie erkundeten die kleine Siedlung, fanden Leichen. Sa’llot kniete neben dem nächsten der Kadaver nieder, dessen Gesicht vor den Augen der Sternenmenschen, langsam, gemächlich, zerfloss.

„Der verzerrte Mund. Es war ein grausamer Tod. Und hier. Der Nebel zersetzt Haut und Fleisch. Sie werden ausgelöscht. Ausradiert. Vor … Vor Minuten, vielleicht.“

Sa’llot stand auf. Martal würgte. Keiner sagte ein Wort. Die Notkokons und Dunstfänger, nun sinnlos, wogen schwer in ihren Armen. Ihnen war bitterklar, ihre Anwesenheit hier hatte diese letzten Terraner dem Untergang geweiht. Ihre eigensinnige Neugier. Sie hatten versucht, der Katastrophe zuvorzukommen. Hätten die hierher geflohenen Intelligenzwesen ohne sie eine Chance gehabt? Die Sternenmenschen gingen in verschiedene Richtungen davon, gehorchten dem Bedürfnis, allein zu sein. 

A’ven stapfte durch den Giftnebel, wischte wütend Schwaden weg. Seine Augen wässerten. Der Nebel zog sich um ihn zusammen. Er rannte los, fluchend. Ein paar Meter einen Kieselweg hoch passierte er eine Steinskulptur. „Ein Meditationsort“, dachte er. „Hier sollte Frieden herrschen. Nicht der Tod.“ Er bemerkte eine weiße Kuppel, von dichtem Nebel belagert. Aus der Kuppel drang Licht. Was suchte das Gift dort? Nein. Unwahrscheinlich. Warum sich durch utopische Hoffnung quälen? A’ven eilte zu der Struktur. Durch ein Sichtfenster sah er leblos auf Teppichen liegende Terraner, zu einem Haufen zusammengedrängt, umringt von Statuen und Ritualgegenständen. Dingen, die sie nicht hatten retten können. A’ven seufzte. Die anderen kamen zu ihm, drängten sich um ihn. Alle Augen wässerten. Ha’nach legte eine Hand auf A’vens Schulter, blickte kurz durch das Fenster, sagte: „Sterbend suchten sie Trost aneinander, fühlten, dass nur eines uns angesichts des kalten Zugriffs der Natur Kraft spenden kann, das Licht eines anderen Bewusstseins. Sie fühlten, in jenen letzten Momenten, wie wir. Retteten sich zueinander.“

Martal sah durch das Fenster. „Keine Giftschwaden“, sagte er. A’ven zögerte nicht. Er drängte zur Tür. Sa’llot betätigte den mitgebrachten Nebelfänger, schuf einen giftfreien Raum um den Eingang. Endlich konnte A‘ven hinein. Sie schlossen die Tür hinter ihm, er eilte zum Häuflein. Stolperte. Stürzte. Drehte den Kopf eines Opfers zu sich. Es war eingefallen, alt, zeigte die Spuren eines entbehrungsreichen Lebens. Die anderen sahen durch das Sichtfenster zu. Er winkte. Erregt.

Es waren sieben, vier weibliche Terraner, drei männliche. Ihre Gesichter waren eingefallen, von Entbehrung, Krankheit und Alter gezeichnet. Sie wirkten verhärmt, verbraucht, alt. Aber sie lebten. Sie lebten.

Sa’llot fluchte, rief einen weiteren Raumer herbei; es gab nicht genug Platz in der Sternenstaub. „Nicht einmal daran haben wir gedacht“, schalt sich A’ven. „Wann bin ich so nachlässig geworden?“ Egal. Die Handgriffe der Sternenmenschen saßen, nicht aus Übung, sondern aus Konzentration. Jeder Terraner kam in einen Kokon, der den Zustand der Sterbenden analysierte, stabilisierte. Sie waren mit Nebel in Berührung gekommen, in minimalen Mengen, aber genug, sie zu töten. Langsam. Ihre Kuppel hatte ihnen etwas Zeit verschafft. Es gab Hoffnung. Sie trugen die Terraner zur Sternenstaub. Eilig, vorsichtig. Sie wussten, sie wanderten entlang des schmalen Grats zwischen Leben und Tod. Jeder Moment war entscheidend, das fühlten sie alle, als wären sie durch ein unsichtbares Band verbunden. Als der zweite Raumer im Anflug war, startete die Sternenstaub, an Bord nur zwei Piloten und die Kokons mit den Terranern.

Heim befand sich in einer Umlaufbahn um den Planeten. Zwei Terraner starben auf dem Weg. Fünf überlebten, wurden eilig in ein Hospital gebracht. Sicher, es würde dauern, bis die Geretteten geheilt, ihre Körper restauriert sein würden. Dennoch. Eines Tages würden sie ihnen ihre Welt zeigen, ihr Raumschiff, Heim, sie fragen, ob sie sich dem Patchwork anschließen, sich vom Sterben befreien lassen wollen. „Es ist ein Wunder“, dachte K’llou, während er sah, wie sich fünf Stasiskammern über hageren, dahinschwindenden Körpern schlossen. Sie hatten den Wettlauf gegen die Standardtragödie gewonnen, hatten eine Handvoll des Bewusstseins fähige Lebewesen gerettet. Fünf Einzelwesen, die das Patchwork bereichern werden. Oder auch nicht. „Werden sie uns verstehen? Teil von uns werden wollen?“, sagte Ha’nach, „In vielen planetaren Kulturen gilt es als Glück, nach einem erfüllten Leben zu sterben; sich in einem gefassten Bild zu sehen und dann zu verwehen. Dann sagen sie: ‚Ich hatte ein gutes Leben‘. Bedauernswert. Aber sosehr uns eine solche Ansicht abwegig erscheinen mag, betrügen wir sie um dieses Glück?“

K’llou lächelte, legte eine Hand auf Martals Schulter, spürte das Gewicht des Moments. „Sie wären die fünfte Gattung“, dachte A’ven. „Eine neue Stimme im Patchwork. Wie im alten terranischen Kontrapunkt würde aus den vorhandenen Stimmen etwas Neues entstehen, das keine von ihnen allein sein konnte.” Der Gedanke wärmte ihn, dennoch nagten Zweifel an A‘ven. Retteten sie die Terraner – oder eroberten sie fremdes Leben? Hatten sie sich genommen, was ihnen nicht gehörte? Die Antwort würde sich später zeigen – im neuen Leben der fünf Terraner. Oder?

„Welches Recht haben wir?“, dachte A’ven. Die Terraner hatten ihr eigenes Schicksal geformt – nicht gewählt, die Denkensart, der er aktuell nahestand, hielt es für vermessen, zu denken, Existenzen würden ihren Weg wählen. „Was tun wir, wenn wir ihren Weg … aufbrechen? Heilen?“

A‘ven schüttelte den Kopf. Verachtete den Planeten unter ihnen, der die Terraner vernichtet hatte. Entwertet. Er hasste die Sterblichkeit und die Natur, mit jeder Faser seines Wesens, für einen Moment. Darauf liebte er, mit gleicher Intensität, das Geschenk des Lebens, alles, was seine singuläre Existenz ermöglicht hatte, und die Möglichkeiten, die das Patchwork ihm gegeben hatte. Die Rebellion gegen den Tod, das Vergehen des Individuums, gegen die Standardtragödie. Und er erinnerte sich an den fernen Tag, als er das Angebot des Patchworks angenommen hatte. Das Geschenk des potenziell ewigen Lebens. Das Geschenk des Gefühls, mit der Zeit eins zu sein.

„Wir haben es geschafft“, sagte Farul, und umarmte die anderen, K’llou und Ha’nach und Martal und Sa’llot und A’ven und alle, die sonst da waren.

„Aber es sind nur so wenige …“, sagte Sa’llot.

„Auch nur ein bewusstes Wesen zu retten, Freunde, das ist der höchste Akt der Schöpfung! Diese fünf, wenn sie es wollen, sind nun geboren. Befreit. Geboren ins wahre Leben“, sagte Ha’nach. K’llou sagte nichts. Er drückte nur mit tränenden Augen, schief lächelnd, Martals Hand.